Lectio DivinaOder was ist geistliche Schriftlesung?
Die Mönche haben die klassische Übung der Lectio Divina praktiziert und an die Nachwelt weitergegeben. Heute entdecken immer mehr Christen die Bedeutung des Wortes Gottes
Lectio Divina besteht aus vier Schritten Lectio (Lesung) Meditatio (Besinnung) Oratio (Gebet) Contemplatio (Ruhen bei Gott) Diese vier Stufen sollten jedoch nicht starr verstanden werden, denn im geistlichen Leben, wo sich der Mensch vom Geist Gottes leiten lässt, sind die Übergänge fließend. Diese vier Stufen gleichen einer Treppe, auf der der Beter auf- und absteigt, hin und her geht, so wie der Geist es dem Suchenden eingibt. Lectio – lesen Sie wie ein Verliebter„Lectio“ bedeutet „Lesung“. Damit ist hier ein besinnliches und langsames Lesen gemeint. Wenn jemand einen Brief von einem guten Freund oder seinem Lebensgefährten bekommt, wird er jedes Wort verkosten; versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen und wichtige Passagen, die die Liebe des Absenders ausdrücken, werden wieder und wieder gelesen, bis er sie auswendig kann. Diese Worte werden zu einer Art „Seelennahrung“. Lassen Sie sich vom Text überraschenDie alten Mönche raten, dass man beim Lesen der Heiligen Schrift so vorgehen sollte, als lese man den Text zum ersten Mal und warte förmlich darauf, von Gott angesprochen zu werden. Nicht immer, sind die Texte der Bibel angenehm. Manchmal trösten sie, aber sie können auch provozieren, zur Bekehrung herausfordern, den Leser mit Tatsachen und Wahrheiten konfrontieren. Menschen, die uns lieben, sagen manchmal auch schwere Wahrheiten. Aber diese schmerzlichen Aussagen, der Spiegel, den sie uns vor Augen halten, enthalten vermutlich genau das, was wir hier und jetzt brauchen. Das Lesen des Bibel fängt für gläubige Christen daher immer mit der Frage an: „Was willst du mir sagen, Herr?“ Meditation oder das Wiederkäuen des WortesIn der frühen Kirche wiederholten die Mönche oft einfach Worte der Schrift und zwar so lange, bis diese Worte in ihr Herz vorgedrungen waren. So wollten sie das bei der Lesung empfangene Wort aufgreifen und mit in den Alltag und seinen Beschäftigungen mitnehmen. Auch heute ist das möglich. Denn wer kann nicht ein Wort der Schrift betend wiederholen, während er Bus oder Auto fährt, im Aufzug steht oder aber den Tisch deckt, Wäsche faltet und die Treppe hochgeht? Es gibt unzählige Möglichkeiten, im Laufe des Tages die Worte Gottes zu wiederholen. Im Gegensatz zu den östlichen Religionen, wo Meditation das Bemühen meint, zur einer bildlosen Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit zu gelangen, so ist die jüdisch-christliche Meditation anders beschaffen. Meditation bedeutet hier ein aktives Bemühen, um in den Bibeltext einzudringen. Es geht um diese Fragen: Wo komme ich hier im Text vor? Was ist die Botschaft für mich? Dabei kann es helfen, Zusammenhänge zwischen der Geschichte Gottes und der Erlösung und seinem eigenen Lebensgeschichte herzustellen. Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle, Sehnsüchte und Intuitionen sind gefragt, damit der Leser den Text als seinen Text verstehen kann. Es geht darum, sich mit dem Wort Gottes vertraut zu machen, damit der Mensch von ihm getragen und geformt wird. Oratio - Gebet als spontane Antwort auf Gottes RufenDas, was dem Leser bei der Betrachtung aufgegangen ist, führt ihn zum Gebet. Es ist hiermit die spontane Antwort auf das Gelesene gemeint. Während der „Orator“ im alten Rom der öffentliche Redner war und die „Oratio“ heute immer noch das öffentliche Gebet des Priesters in der Gemeinde meint, so ist die „Oratio“ in der Schriftlesung, der Schrei, das Rufen des Herzens zu Gott. Es ist die Antwort des Menschen, der sich ganz persönlich vom Wort Gottes berührt weiß. Vielleicht ist ein Leser der Bibel in Trauer und der Text läßt ihn vor Schmerz aufschreien. Wut und Frustration können ausgedrückt werden, oder aber eine Sünde bekannt werden. Oder aber der Leser ist dankbar für das, was Gott für ihn getan hat. Freude und Lobpreis über Gottes Nähe sind eine andere Reaktion. Contemplatio - Gebet der RuheEin altes Wort für diesen Schritt ist „Beschauung“. Nach dem der Mensch sein Herz vor Gott ausgeschüttet hat, ruht er nun vor Gott. Er schweigt, indem er seine Aufmerksamkeit einfach auf Gottes Gegenwart richtet. Contemplatio ist Spielen, Ruhen und sich geliebt wissen von Gott. Dasein vor ihm. Hier erwartet der Mensch nichts mehr, will auch nichts mehr wissen und bekommen, sondern einfach da sein in der Gegenwart Gottes. Es ist Aufmerksamkeit im Jetzt. Das Wesen dieses Gebets ist gut im Psalm 131 zusammengefaßt: „Ich ließ meine Seele ruhig und still werden; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.“ Dieser Friede des Kindes bei der Mutter ist Bild vollkommenen Friedens.
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